Die Mission der Noah

Veröffentlicht am 6. September 2018

Die Noah habe ich in den vergangenen Jahren schon mehrfach fotografiert; dieses Jahr zum ersten Mal am 18. April. Die Geschichte der Noah und ihre Mission kannte ich nicht, bis ich heute morgen in der Rheiderland Zeitung einen Artikel des Chefredakteurs Kai-Uwe Hanken gelesen habe. Mit seiner Genehmigung darf ich seinen kompletten Artikel hier online stellen, zusammen mit einigen Bildern, die ich dieses Jahr von der Noah gemacht habe.

Ich möchte Euch den Artikel aus zwei Gründen zugänglich machen: Zum einen ist er wunderbar geschrieben, sachlich, aber einfühlsam, ohne dabei ins Emotionale abzudriften, was heutzutage selten ist. Zum anderen finde ich ihn gerade in unserer heutigen Zeit, in der viele Menschen Empathie mit vorgefertigten Bildchen bei Facebook ausdrücken ('Wer seine Mutter/seinen Bruder/seine Oma/seine Kinder liebt, teile dieses Bild') anstatt sie Menschen in ihrem Umfeld direkt und persönlich entgegen zu bringen, sehr wichtig. Auf der Noah sind Menschen, die andere nicht verurteilen und nicht aufgeben. Und anstatt Schildchen bei Facebook geben sie ihnen Chancen im Leben. Das sollte uns allen ein Beispiel sein.

Natürlich haben wir im Normalfall keine Noah zur Verfügung, aber wir haben ein Herz und einen Verstand. Wenn wir beides öfters benutzen und selber fühlen und denken würden, anstatt manchmal einfach irgendwas zu übernehmen, wäre schon viel gewonnen.


Artikel von Kai-Uwe Hanken aus der Rheiderland Zeitung vom 6. September 2018

(Quelle, nur mit Abo lesbar)

Die schwimmende Schule des Lebens

»Leinen los« heißt es nun nach fünf Monaten Reparatur-Pause in Ditzum für den Zweimast-Segler »Noah«. Das Schiff bricht auf in Richtung Portugal. Mit an Bord: vier junge Menschen, für die die Reise buchstäblich ein Aufbruch zu neuen Ufern bedeuten soll. Der elegante Segler, der in seinem früheren Leben mal ein Kutter war, wird für zehn Monate die schwimmende Heimat von vier Jugendlichen im Alter von 12 bis 15 Jahren, die sozial auffällig sind. Sie verweigern die Schule, kommen nicht in Gruppen zurecht oder halten sich nicht an Regeln.

Auf hoher See, weitab von vielen Einflüssen, sollen sie Disziplin lernen und lernen sich zu organisieren und Mitmenschen zu akzeptieren. Ein Hauptziel ist auch der Schulabschluss. Es wird an Bord nicht nur gelebt und gearbeitet, sondern auch gelernt. Betreut werden sie von Sozialpädagogen und der Bord-Crew.

»Kurz gesagt: Sie lernen zu leben«, fasst Kapitän Ernst Arnhold das Ziel der Fahrten zusammen. Der Wiener steht seit fünf Jahren am Steuerrad der »Noah« und schult die Jugendlichen zusammen mit Co-Skipper Alfred Moser in allen seemännischen Bereichen. Das Segeln muss die Jugendlichen nämlich erst von der »Pike« auf lernen. Damit lernen sie gleichzeitig auch, Verantwortung zu übernehmen, denn die See verzeiht bekanntlich keinen Leichtsinn und eher über kurz als lang muss jeder Handgriff sitzen.

Die Langzeittörns werden von dem Verein »Arbeitskreis Noah« organisiert, der seinen Sitz in Wien hat und von Herbert Siegrist gegründet wurde. Dessen Vater hat die »Noah« erworben und umbauen lassen – damals, vor 30 Jahren, schon bei Bültjer in Ditzum. Immer wieder ist die Rheiderländer Traditionswerft Anlaufadresse für die »Noah«. Seit Mitte April lag sie wieder hier, weil diverse Reparaturen anstanden: Achtersteven und Motor wurden erneuert, Teile des Decks mussten umgebaut und Planken verlegt werden. »Die Leute bei Bültjer kennen das Schiff, das Vertrauen in die Werft ist einfach da«, so Kapitän Arnhold.

Heute nun soll die »Noah« ihre nächste große Reise antreten. Von Ditzum geht es Richtung Portugal, wo das Schiff überwintert. Anschließend soll die Route ins Mittelmeer führen. Die zehn Monate des Törns sind streng eingeteilt: Einen Monat Segeln, einen Monat Hafen-Aufenthalt mit Schul­unterricht an Bord.

Jede Fahrt ist eine neue Herausforderung: Zwölf Menschen auf 70 Quadratmetern Fläche – und auf hoher See keine Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen. »So ein Schiff ist wie ein Mikrokosmos, wie eine kleine Welt. Da sind Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und Geschlechts – und sie müssen zusammenarbeiten und miteinander auskommen«, erläutert der 48-jährige Schiffsführer.

Vermittelt werden den Kindern an Bord wichtige Grundlagen: Die Versorgung mit Essen, aber auch die tägliche Körperpflege gehören dazu. »Es geht darum, den Kindern das Leben beizubringen«, so Arnhold. Und sie sollen auf ihrer Reise auch andere Länder und Kulturen kennenlernen. Ganz gezielt werden daher Landgänge unternommen und zum Beispiel mit Museums- oder Musical-Besuchen verknüpft. Viele der jungen Teilnehmer gewinnen dadurch Eindrücke, die sie vielleicht nie wieder in ihrem Leben bekommen – die dafür aber umso mehr prägen.

Dass die Segeltörns den Jugendlichen dabei helfen, Rüstzeug für ein neues Leben zu bekommen, davon ist Kapitän Ernst Arnhold überzeugt. »Man kann sagen, zwei der vier Teilnehmer schaffen es später auf jeden Fall. Bei einigen sieht man den Erfolg erst Jahre später«, zieht er eine positive Bilanz. Zu einigen von ihnen hat Arnhold auch heute noch Kontakt.

Einmal jährlich lädt der Verein der »Noah« zu einem Ehemaligen-Treffen ein. »Man sieht dann bei vielen schon, dass es eine extreme Veränderung in ihrem Leben gegeben hat«, ist der Kapitän des Seglers stolz auf das Erreichte. Und wenn einige dieser Ehemaligen mit ebenso viel Stolz ihren eigenen Kindern berichten, dass sie auf dem Schiff einmal mitgefahren sind, sieht sich Ernst Arnhold bestätigt.

Jetzt ist »Noah« – die schwimmende Schule – wieder unterwegs, um ganz nach biblischem Vorbild die Jugendlichen zu neuen Ufern zu bringen. Ditzum ist dabei so etwas wie eine zweite Heimat für den Segler geworden.


Die Webseite des Vereins 'Arbeitskreis Noah' findet Ihr hier.

Lieber Herr Hanken, vielen lieben Dank, dass ich Ihren Text verwenden durfte.


Zum Schluss kommen jetzt die Bilder der Noah. Als wir sie Mitte April im Hafen entdeckt haben, war sie noch dunkelblau; inzwischen hat sie ihn in himmelbau verlassen. Dieter und ich wünschen der Noah und ihrer gesamten Besatzung von Herzen eine erfolgreiche Fahrt und eine gute Zukunft. Ich freue mich schon darauf, sie auch in den nächsten Jahren immer wieder vor die Linse zu bekommen.

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